SHIFT Podcast Folge 32: Wie baut man ein nachhaltiges Hotel der Zukunft, Nadine vom HOTEL MICHELBERGER?

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Das Michelberger Hotel hatte ich immer als Institution für Musikschaffende und als das Berliner Zuhause für berühmte DJs wahrgenommen. Wo ich früher Afterhours feierte, mache ich heute Yoga. Doch das Michelberger Hotel ist seit über 10 Jahren ein multikultureller Ort, der Dinge gerne auf seine eigene Art macht. Es ist mehr als nur ein Zuhause für berühmte Bands, botanische Cocktails und Kokoswasser. Es ist ein Zufluchtsort für Kreative und ein Zukunftsort, in dem permanent das Morgen geprobt wird.

Was ich also wie eine Transformation von Musik zu Yoga wahrgenommen habe, ist nur ein Teil einer andauernden Reise, auf der sich das Hotel Michelberger seit seiner Eröffnung 2009 und schon lange davor befindet.

Bevor Nadine ihren Mitgründer und späteren Mann Tom Michelberger 2003 kennenlernt, zieht sie 1997 vom Bauernhof in Ameke nach Berlin und studiert Sozialpädagogik. Dieses Studium, was sie als grundlegendes “Gesellschaftsstudium” bezeichnet, ist die Basis für ihre spätere Arbeit im sozial-künstlerischen Bereich. Neben ihrem Praktikum organisiert sie Parties im ehemaligen Club Scala. Sie erinnert sich noch sehr gut an diese besondere Zeit, “wenn dann alles voll war und das Haus gewabert hat und die Leute einfach eine Erfahrung gemacht haben”.

“Es ist ganz wichtig, dass Menschen sich auslassen und ausprobieren dürfen und ihre eigenen Weg gehen, gerade in so einer Stadt wie Berlin.”


Nadine Michelberger, HOTEL MICHELBERGER

2003 trifft sie Tom und beim zweiten Treffen sprechen sie bereits über ein Hotel. Es dauerte einige Umwege, persönliche Weiterentwicklung und wichtige berufliche Zwischenstationen beim Quartiersmanagement bis sie 2007 einen Mietvertrag für das Hotel unterschreiben, 2008 umbauen und 2009 eröffnen.

“2003 hatten wir wahnsinnig unerfolgreiche Banktermine. Es gab ja noch nicht diese Art von Hotelkonzept als sozialer Raum, wie man es heute kennt. Sie haben damals gar nicht kapiert, was wir von denen wollten.”

Nadine Michelberger, HOTEL MICHELBERGER

Nadine und Tom kreieren mit dem Hotel einen Ort, der als Plattform funktioniert, als Ort für Begegnungen, als Ort, wo sie ins Gespräch kommen können. Sie sehen das Hotel seit der Gründung als ein offenes Experiment, dass nie “fertig” ist. Jede persönliche Entwicklung hat sich unmittelbar in eine Entwicklung des Hotels niedergeschlagen. Sie wollen nicht, dass es fertig wird, sondern sie genießen den Prozess und den Weg.

Dass wir Profit nicht als Maxime haben, hilft uns dabei, Freiheiten in anderen Bereichen zu haben.

Nadine Michelberger, HOTEL MICHELBERGER

Frei und offen zu bleiben, und nicht dem Status Quo der Vergangenheit nachzueifern, ist die Grundmaxime des Michelbergers. In diesem Zusammenhang zitieren sie gerne Byron Katie, die sie stark auf ihrem Weg begleitet hat. “Das gute an der Vergangenheit ist, dass sie vorbei ist.”

Das Michelberger ist nach wie vor ein sich ständig weiterentwickelndes modernes Familienunternehmen, eine kollektive Kreation, ein lebenslanges Experiment. Was Nadine und Tom dabei antreibt, sind Antworten auf die Fragen von heute und Wege und Modelle zu finden, wie eine mögliche Zukunft aussehen kann.

“Wir spüren ganz stark, dass jetzt eine neue Phase beginnt. Eine richtige Transformation inside-out nicht nur in der Welt, sondern auch hier in dem Hotel, die wir mit Freude wahrnehmen.”


Nadine Michelberger, HOTEL MICHELBERGER

Auch und gerade deshalb haben sie zu Beginn der Coronakrise die Talkreihe Lift Off gestartet, bei der sie mit Vordenker:innen, mit Autor:innen, mit Visionär:innen sprechen. Sie möchten, dass die politischen Diskussionen, gesellschaftliche Visionen, alte Weisheiten, Wissen und das globale Bewusstsein und vielelicht auch Utopien Gehör finden, um Verbindung zu schaffen, um von anderen zu lernen, um zu diskutieren und gemeinsam zu wachsen.

Mit Lift Off möchten wir Anregungen geben, wie die Welt nach Corona aussehen kann und wie wir sie gestalten können … um genau zu entscheiden, was nehme ich mit in die Zukunft und was lasse ich da. Gerade diese Lift Off Gespräche haben gezeigt, dass es wichtig ist, sich mit den Menschen zu verbinden, die Wissen, Erahnung und Ideen für die Zukunft haben

Nadine Michelberger vom HOTEL MICHELBERGER

So richtig aufgeblüht ist Nadine jedoch erst am Ende des Interviews als sie über die Michelberger Farm spricht. Vor 2 Jahren Jahr haben sie in Brandenburg etwa 1 Std. von Berlin in Vetschau/Spreewald die Michelberger Farm gegründet. Der Hof ist ein weiteres Experiment und soll beweisen, dass regenerative Landwirtschaft die Produktivität steigern, dass man eine Brücke zwischen Stadt und Land aufbauen kann und dass ein zyklisches Modell aus Bauernhofbetrieb und Hotel/Restaurantversorgung am nachhaltigsten ist. Bereits in diesem Jahr lieferte die Michelberger Farm frische und vitale Zutaten für die Küche des Michelberger Restaurants sowie für das Restaurant Ora.

Dabei liegt ein System zugrunde, was eigentliche schon ganz alt ist, die Regenerative Agro Forstwirtschaft. Das Besondere an diesem Zyklus ist jedoch die Funktion, die der Mensch dabei bekommt. Er regeneriert und man darf gleichzeitig Produkte von höchster Qualität ernten. Mit diesem System wollen wir anderen ein Vorbild sein und dazu motivieren, umzudenken. Es ist ihnen eine Herzensangelegenheit, dass System noch mehr public zu machen und ihre regelmäßigen Analysen und Bodenproben mit anderen zu teilen. Es ist für uns die größte Freude, Brokoli, Blumenkohl, Grünkohl vom Feld zu ernten, zu kochen, zu verwerten. Was da für Energiebrocken drin stecken, ist einfach der Wahnsinn. Man spürt das ganz stark.

“Es braucht unbedingt gutes und gesundes Essen, was verfügbar und erschwinglich ist.”

Nadine Michelberger, HOTEL MICHELBERGER

Im Interview sagte Nadine etwas beläufig “Arbeit ist bestimmt nichts, wovor wir weglaufen.” Somit wird auch dieser Bauernhof ausgebaut und es wird bald die Möglichkeit geben, in einer neu gebauten Scheune – entworfen von Sigurd Larson – der bereits zwei Hideouts im Hotel Michelberger entworfen hat – zu übernachten.

Das nächste Kapitel des Hotels ist bereits in der Planung und dabei geht es nicht nur um regenerative Landwirtschaft, Utopien, Yoga, Energiearbeit oder Tanz. Im 5. Stock des Hotels entsteht nächstes Jahr ein ganzer Bereich, wo als das Wissen in Talks, Workshops und Sessions regelmäßig vermittelt wird. Alle – vom Hotelgast, vom Musiker, bis zum Superyogi dürfen dann weiter mit dem in Kontakt kommen, worüber sich Nadine und Tom gerade Gedanken machen – und das dürfte wie immer sehr spannend und kreativ werden.

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