SHIFT Podcast Folge #2: Jeannette Gusko – Wie kann sich jeder Mensch engagieren?

Du kannst die Folge auch direkt iTunes oder Spotify anhören und abonnieren.

Mein nächster Gast ist Jeannette Gusko. Sie ist Senior Managerin DACH bei GoFundMe, der weltweit führenden Plattform für Soziales Fundraising. Sie unterstützt Menschen und Organisationen dabei, erfolgreiche Spendenkampagnen aufzusetzen und durchzuführen. Wir sprechen über Feminismus, politisches und soziales Engagement, die Erfolgsfaktoren von Kampagnen auf GoFundMe und was jede bzw. jeder einzelne machen kann.

Shownotes

Fundraising bei GoFundMe

Campagin Bootcamp https://campaignbootcamp.org

The Lovers e.V. https://the-lovers.net

Centre for feminist foreign policy CFFP

TCF fellowships http://thecirifoundation.org/fellowships

Transkript Interview mit Jeannette Gusko

Mein nächster Gast ist Jeannette Gusko. Jeanne ist Senior Managerin bei GoFundMe für Deutschland, Österreich & Schweiz. GoFundMe ist die weltweit führende Plattform für Soziales Fundraising. In ihrer Position unterstützt Jeanne Menschen und Organisationen dabei, erfolgreiche Spendenkampagnen aufzusetzen und durchzuführen. Sie ist absolute Expertin für Soziales Campaigning und Mitbegründerin des Campaign Bootcamp – Deutschlands einziges inklusives und diverses Coaching-Programm für eine neue Generation von Campaigner*innen. Sie hat viele Jahre bei der Petitionsplattform change.org gearbeitet, sie spricht regelmäßig auf Konferenzen zu gesellschaftlicher Partizipation, Feminismus, Zukunft der Arbeit und Change Management.

Hier im Podcast wird sie sehr viel über politisches und soziales Engagement sprechen, was die Erfolgsfaktoren für Engagement sind, was ihr ganz konkret tun könnt. Wie kommen wir ins Engagement?

AG: Beim The Lovers Retreat sagtest Du “Die befreite Frau ist der größte Feind des Patriarchats”. Daher lautet meine erste Frage an Dich: Fühlst Du Dich als befreite Frau?

JG: Was ich daran so spannend finde, ist eben genau die Idee davon, was bedeutet Freiheit und wie können wir sie tagtäglich auch leben – fern von einem abstrakten Konzept. Warum ich das gesagt habe, war, weil wir bei The Lovers so stark über Freiheit und Verantwortung gesprochen haben und wie beides miteinander zusammenhängt. In patriarchalen Strukturen geht es ganz oft darum, zu kontrollieren und vor allem Frauenkörper zu kontrollieren. Die Frage, wer spricht, wer wird gehört? 2019 habe ich schon das Gefühl, dass wir da noch einen ganz schönen weiten Weg vor uns haben. Das Patriarchat ist real und es ist real in jedem Land dieser Welt. In Deutschland sind wir schon an dem Punkt, wo wir natürlich Freiheiten genießen, die wir als Frauen in anderen Ländern nicht genießen könnten. Fühle ich mich als befreite Frau? Ich arbeite jeden Tag daran, dem diesem Status näher zu kommen, aber reflektiere natürlich auch ganz stark, welche Strukturen Freiheiten entgegenstehen und nicht nur mir als weiße Frau, sondern gerade eben auch Frauen, die anderer Herkunft sind oder die einfach aufgrund dessen, wie sie aussehen, diskriminiert werden.

Jeannette Gusko: "Die befreite Frau ist der größte Feind des Patriarchats"

AG: Das Thema Frauen und Empowerment liegt dir sehr am Herzen. Kannst Du einmal teilen, warum Dir das so wichtig ist und es zu Deiner Agenda gemacht hast?

JG: Das kam vor zehn Jahren (ich bin jetzt Mitte 30), dass mir einfach bestimmte Dinge einfach aufgefallen sind und ich angefangen habe, mich mit dem Thema Frauen und Empowerment zu beschäftigen. Bei mir kam es aus dem eigenen Erleben heraus. Das ist ein Ansatz, es gibt sicherlich auch andere. Ich habe viel in der Wissenschaft gearbeitet, viel in Wirtschaftsunternehmen und Technology-First-Organisationen. Mir ist dabei aufgefallen, dass immer wieder Unterschiede in der Art und Weise, wie Frauen bewertet werden, auftreten. Es wird immer wieder versucht, ihnen einen Platz zuzuordnen – fern von dem Platz, der ihnen eigentlich zusteht. Aus diesem Erleben heraus habe ich angefangen, mich schlau zu machen. Ich sehe da eine gewisse Verantwortung, nicht nur bei Frauen perse, sondern bei Menschen generell, sich über Unterdrückungsmechanismen Gedanken zu machen. Ich selbst habe auch noch eine ostdeutsche Biografie, das heißt, auch darüber habe ich mich mit dem Netzwerk Dritte Generation Ost beschäftigt. Wie funktioniert Unterdrückung mit unterschiedlichen Identitätsmarkern, wie ist das eigentlich bei mir als ostdeutsche Frau? Ich habe über dieses eigene Erleben festgestellt, es muss sich was tun und habe mich gefragt, was kann ich eigentlich machen. Die letzten Jahre habe ich gesehen, dass es Netzwerke gibt, wo Frauen sich weiter vernetzten und unterstützen können das fande ich immer spannend. Ich war selbst sehr sehr aktiv in den Berlin Geekettes – ein Netzwerk von Technologie-Frauen. Ich wollte aber immer auch noch mal etwas machen, was über die Frage von Vernetzung und Selbstoptimierung hinausgeht. Optimierung war ja auch sehr lange der Trend, zum Beispiel “nur ein bisschen tiefer sprechen, dann wird das schon”, aber es wird eben nicht. Ich befinde mich jetzt gerade in einem Netzwerk von spannenden Frauen und auf einer Reise, wirklich Strukturen zu erfassen und zu überlegen, was sind eigentlich Hebel, die ich nutzen kann, um Strukturen aufzubrechen. Du hast jetzt das Gespräch mit Freunden angesprochen, wenn wir aufeinander treffen, aber eben auch mit Männern spreche ich wahnsinnig viel über das Thema und frage “Ist das auch ein Thema in euren Männer Freundeskreisen?”

AG: Was sagen sie dann? Wie ist die Reaktion?

JG: Recht ernüchternd. Gerade in linken, progressiveren Kreisen würden sich doch einige Männer als Feministen beschreiben oder zumindest nicht als frauenfeindlich, aber wenn ich ein bisschen nachgrabe, kommt häufig doch nicht ganz so viel oder eher relativierende Aussagen. Wir haben ja im Rahmen der metoo-Debatte ganz konkrete Beispiele (blöde Sprüche oder Anzüglichkeiten). Die ganze Debatte war ja immer: “Ist Flirten noch erlaubt? Darf man in einer Post-Metoo-Welt noch flirten?” und ich fand die Debatte so unsäglich. Warum ist der Unterschied zwischen flirten und belästigen nicht klar? Diese Frage habe ich häufig recht provokativ in Raum geschmissen “Macht ihr euch darüber Gedanken? Habt ihr euch darüber einmal ausgetauscht? Pfeift ihr auch mal jemanden zurück, wenn es auf einem Weg zum Übergriff ist?” Es kam viel defensive Kommunikation zurück oder defensive Antworten “Ich bin ja nicht das extrem, ich bin ja nicht derjenige.”

AG: Warum gehen die Männer dann nicht in die Aktion? Ist es diese fehlende Betroffenheit, dass es eben dann nicht den Mann betrifft, sondern die Frau?

JG: Kurz nach metoo kam ja dieses “auch ich bin Vater, auch ich bin Ehemann, auch ich bin Bruder von Frauen und deswegen finde ich das wichtig und möchte etwas tun”. Da würde ich sagen, zuallererst bist du ein Mensch und all die Frauen, die du aufgezählt hast und all die Frauen, die auch ihre Erfahrungen geteilt haben, sind auch Menschen und rein aus Gründen der Menschlichkeit wäre es angebracht, etwas zu tun. Ich habe das Gefühl, dass 2019 auf jeden Fall ein Jahr wird, wo Männer noch stärker gefordert sind. Ich finde, dazu hätten sie schon letztes Jahr die Möglichkeiten gehabt. Denn wir dürfen dabei nicht vergessen, dass die Frage dessen, wie wir zusammenleben wollen und wie gewaltfreie Strukturen aussehen, einfach zu mehr Zufriedenheit und viel mehr Freiheiten für uns alle führen. Das Männerbild ist in Deutschland noch wahnsinnig veraltet. Die Freiheitsgrade des Mannes beispielsweise auch zu sagen, ich mache jetzt Elternzeit oder andere noch wahnsinnig beschränkt sind. Zumindest Männer das auch immer behaupten, dass sie deswegen nicht gehen könnten. Auf der anderen Seite haben sie eben auch die Möglichkeit, es zu tun, aber sie müssen natürlich mit dem gesellschaftlichen Bild von sich selbst brechen. Und ich glaube, daran wird sich das so ein bisschen entscheiden, ob Männer dazu bereit sind, den Mut zu fassen. Frauen haben an sich ja seit Jahrzehnten, seit Jahrhunderten organisiert, um etwas gegen ihre Unterdrückung zu machen, aber Männer hinken hinterher, vielleicht weil sie bisher nicht so diesen Leidensdruck hatten, aber ich glaube auch in der Art und Weise, wie sich unsere Gesellschaft sich entwickelt, wird dieser Leidensdruck auch größer. Wenn sie es dann eben nicht aus der Solidarität mit uns als Menschen tun, dann vielleicht aus ihrem eigenen Leidensdruck heraus.

AG: Spannend. Das bringt uns auch wieder zurück zur Change-Formel, die ich in der 1. SHIFT-Folge vorgestellt habe. Jetzt will ich mal ins neue Jahr springen oder vielleicht noch mal kurz ins ins alte und hätte da 2 Fragen an dich. Was hast Du im letzten Jahr Neues gelernt. Was hat Dich beruflich herausgefordert?

Bis hierhin konntest Du lesen. Ab jetzt musst Du die Ohren spitzen und den Podcast anhören. Ich freue mich auf Dein Feedback zur Folge! Abonniere den Podcast und folge SHIFT auch auf Instagram @theshift_podcast.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.