Wie können wir nachhaltiger leben und wirtschaften?

Zu Beginn des Jahres 2019 hatte ich mir selbst eine No-Shopping-Challenge auferlegt – und habe sie gerade einmal 4 Monate durchgehalten. Am 2. Mai 2019 fand ich mich nach einem endlos langen Workshoptag mit einer dicken Erkältung in einem Shoppingcenter in Dresden wieder und kaufte einen überteuerten Blazer.

Was war passiert? Nach dem Konsumentzug hatte sich in dem kurzen Moment der Schwäche mein Belohnungssystem eingeschalten und verlangte nach einfacher Bedürfnisbefriedigung. Das limbische System (Gefühle) hatte über den präfrontalen Cortex (Verstand) gesiegt. Ich hatte Glücksgefühle und erst nach ein paar Tagen wurde mir bewusst, dass ich absolut entgegen meine wichtigsten Werte gehandelt hatte. Denn die Marke steht für seine extrem schlechten Arbeitsbedingungen in Bangladesch in der Kritik.

Warum erzähle ich dir das? Ich will einfach ehrlich sein. Ehrlich damit, dass man zwar die Entscheidung treffen kann, nachhaltiger zu leben, aber die Verhaltensveränderung eben doch nicht so einfach ist. Viel wichtiger ist es, es immer wieder zu versuchen und täglich einen Neustart zu wagen. Ich bin auf keinen Fall perfekt. Ich fahre (noch) Auto, ich lebe (noch) nicht plastikfrei und an Weihnachten esse ich auch mal Fleisch. Und dennoch habe ich in diesem Jahr viele Möglichkeiten für mich ausgelotet, nachhaltiger zu leben, z.B. kaum Fleisch essen, Klamotten von der Freundin leihen, Unverpackt einkaufen, auf Ökostrom umstellen, Zug fahren, Second Hand einkaufen, Waschmittel selbst machen, Bäume pflanzen, Zeit statt Zeug schenken. Die Liste ist unendlich lang.

Wichtig ist, dass man mit etwas anfängt und das kann alles mögliche sein. Bei dem einen ist es plastikfreier Einkauf, bei dem anderen eine vegane Ernährungsweise, bei wieder jemand anderen ist es der Verzicht auf Langstreckenflüge.

Michael Bilharz, Nachhaltigkeitsexperte beim Umweltbundesamt, ist überzeugt, dass beide etwas tun müssen – wir Verbraucher und die Politik. Und wir selbst können am besten bei den BIG POINTS ansetzen. Jährlich produziert jeder Deutsche im Durchschnitt 11,6 Tonnen CO2.

  • 21 % Heizung und Strom
  • 19 % Mobilität
  • 15 % Ernäherung
  • 39,3 % sonstigen Konsum bzw. die Emissionen für die HErstellung von Baumaterialien, Möbeln, Mode, Autos.

Klimaverträglich wären jedoch 1,5 Tonnen CO2 pro Person. Was können wir also tun

  • Weniger Fleisch essen: Eine Kuh
  • Weniger Fliegen:
  • Weniger Konsum: Was vielen nicht bewusst ist.

Was aber können eigentlich Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit tun? Was sind die Kriterien für Nachhaltigkeit und wie Unternehmen sie einhalten?

Fangen wir einmal ganz von vorn an. Mit dem Begriff “Nachhaltigkeit”

Nachhaltigkeit ist das Thema der Stunde. In Italien wird es demnächst das Schulfach “Klimawandel” geben, Greenfluencer wie @DariaDaria oder @LuisaNeubauer sind die neuen Influencer und 67 % Konsument*innen wünschen sich dass die CEO der Unternehmen den Wandel vorantreiben. 74 % der Bevölkerung in Deutschland sind dafür, dass die Politik endlich klare Verbote ausspricht.*

65 % der Deutschen finden, dass das Thema Umweltschutz ins Grundgesetz gehört.

Onlinebefragung von YouGov für BE GREEN mit 2047 Bürger*innen ab 18 Jahren

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist nicht erst en voque, seit es Greta Thunberg gibt. Schon im 18. Jahrhundert sprach der Urvater des Nachhaltigkeitsbegriffs Hans Carl von Carlowitz davon. Er erkannte, dass in einem Wald nur so viele Bäume gefällt werden dürfen, wie in absehbarer Zeit und auf natürliche Weise Bäume nachwachsen. Das ist bis heute das wesentliche Prinzip der Nachhaltigkeit. Wie können wir wirtschaften, ohne den Menschen und der Umwelt zu schaden. Anders gefragt: Wie sieht eine lebensdienlichere Wirtschaft aus?

“Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die gewährt, dass künftige Generationen nicht schlechter gestellt sind, ihre Bedürfnisse zu befriedigen als gegenwärtig lebende.”

Brundtland Bericht, 1987

Heute wird Nachhaltigkeit als Modell verstanden, welches auf den drei Säulen Ökologie, Ökonomie und Soziales basiert. Anders als das in Wirtschaft derzeit der Fall ist, müssen diese drei Säulen immer zusammenhängend betrachtet werden.

Die ökologische Säule beinhaltet den Klimaschutz, den Ressourcenschutz, Artenvielfalt. Unternehmen beschäftigen sich in diesem Bereich vor allem mit den Themen:

  • CO2 Reduktion
  • Abfall & Recycling
  • Energie
  • Rohstoffe
  • Wasser
  • Mobilität

Die ökonomische Säule beinhaltet

Ökonomie Bananen aus Kolumbien, Chiasamen Hier sieht man schon

Welche deutschen Unternehmen sind die Besten in Sachen Nachhaltigkeit?

Welche Unternehmen kommen dir spontan in den Sinn, wenn Du an Nachhaltigkeit denkst? Mir fallen ganz direkt Armed Angels, Patagonia, RECUP sowie Ben & Anna in den Sinn. Aber ist das das Gros der deutschen Unternehmen? Nein, Startups, die nachhaltige Tampons, Kaffee-Pfandbecher oder Bio-Deos ohne Plastik erstellen, zählen (noch nicht) zu den Eliten oder DAX-Unternehmen.

Es wäre zwar schön, noch weiter nach kleinen feinen Unternehmungen und Gründungen zu suchen, die oft schon von Beginn an sozio- und öko-effektiv arbeiten, aber das würde dem Status Quo der Deutschen Wirtschaft nicht gerecht werden.

Die gute Nachricht ist, dass sich auch große Konzerne sowie KMU in Deutschland zunehmend daran oder werden auch von ihren Stakeholdern und Shareholdern daran gemessen, wie nachhaltig sie wirtschaften. Laut der Umfrage “Green Jobs” von gehalt.de würden circa 58 % der befragten Arbeiternehmer*innen ihren Job kündigen, wenn der Arbeitgeber in hohem Maße klimaschädlich agieren würde. Auch Bewerberinnen und Bewerber sind immer sensibler, was dieses Thema angeht.

Bewerbungsgesprächen fragen Talente regelmäßig nach der New Work oder Work-Life-Balance und bei den großen deutschen Investmentfirmen sind Nachhaltigkeitsfonds im Moment ein Riesentrend.

Um den Horizont an nachhaltigen Unternehmen zu erweitern, lohnt sich der Blick auf das Ranking der Nachhaltigkeitsberichte von IÖW und Future 2018. Als nachhaltigstes KMU wird hier Vaude genannt.

Ich schaue also auf die Website von Vaude und gelange zu einer Fleece Jacke für Kinder, dessen Hauptstoff aus 100% Polyester und dessen Einsätze aus recycelten 100% Polyester besteht. Ich bin also irritiert und frage mich, warum ein Unternehmen, was so viel Microplastik produziert als nachhaltig gelten kann. Ich lese in den Ökoinfos des Produkts weiter und erfahre, dass Vaude Mitglied von Fair Wear Foundation. Sie schreiben:

“Wir setzen uns für gute Arbeitsbedingungen und faire Löhne für alle ein. Wir sind Mitglied der Fair Wear Foundation (FWF) und verpflichten uns, die Arbeitsbedingungen in allen Produktionsstätten kontinuierlich zu verbessern. Diese werden regelmäßig kontrolliert. VAUDE hat mit dem Leader Status den höchsten Status als FWF-Mitglied erreicht.”

Außerdem haben sie ein eigenes Green Shape Label erfunden:

“Mit unserem Green Shape-Label bieten wir Dir funktionelle, umweltfreundliche Produkte aus nachhaltigen Materialien. Bei der Herstellung achten wir auf faire Arbeitsbedingungen in der gesamten Lieferkette. Unsere Kriterien zur Beurteilung sind streng und transparent. Sie werden laufend überprüft und umfassen den gesamten Lebenszyklus des Produkts – vom Design über die Produktion bis hin zu Pflege, Reparatur und Verwertung.”

2007 konstatierte Bundeskanzlerin Merkel, dass es beim Thema “Nachhaltigkeit um eine verantwortungsvolle Gestaltung der Zukunft, die Wahrnehmung von Verantwortung für unsere Kinder und Enkel und für unsere Mitmenschen auf anderen Kontinenten geht.

“Nachhaltigkeit bedeutet für das Leben vor allem von uns in den Industrieländern eines mit Sicherheit: Es gibt kein “weiter so”.”

Quelle: Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel auf der Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung am 27. November 2007 in Berlin

Seit 2017 besteht in der EU für Unternehmen eine Berichtspflicht über ökologische und soziele Aspekte. Unternehmen sind verpflichtet, einen Nachhaltigkeitsbericht abzugeben.

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